Sucht beginnt selten dort, wo wir hinschauen. Sie beginnt dort, wo wir wegschauen. Über 20 Jahre meines Lebens habe ich nicht gewusst, dass ich süchtig bin. Ich habe es Gewohnheit genannt, Genuss, Belohnung, Notwendigkeit, einfach Leben. Die ehrliche Antwort kam erst, als ich mir die Fragen gestellt habe, die ich heute meinen Klienten weitergebe.
Was Sucht wirklich ist, und wo sie anfängt
Sucht ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist eine Antwort. Auf einen Schmerz, den wir nicht fühlen wollen. Auf eine Wunde, die wir nicht angeschaut haben. Auf ein Gefühl, das wir nicht aushalten.
Deshalb ist Sucht so schwer zu erkennen, wenn man drinsteckt. Sie funktioniert ja. Sie tut ihren Job. Sie betäubt. Erst wenn das Betäuben mehr Energie kostet als das, was darunter liegt, wird der Druck groß genug, hinzuschauen. Bei mir hat es bis 2005 gedauert.
Was die Wissenschaft als stoffgebundene Sucht bezeichnet (Alkohol, Drogen, Nikotin) ist nur eine Form. Verhaltenssüchte sind genauso real und oft unsichtbarer: Essen, Pornografie, Arbeit, Gaming, Social Media, ständige Beschäftigung. Was du suchst, ist immer das Gleiche: die Pause vom Fühlen.
Die sieben Fragen, die ich mir gestellt habe
Geh sie ehrlich durch. Niemand schaut dir zu. Wenn du bei einer Frage einen Stich spürst, ist das schon eine Antwort.
1. Habe ich Kontrolle über die Menge?
Kannst du wirklich nach einem Glas aufhören, wenn du das vorhast? Oder findest du immer Gründe, warum heute Ausnahme ist? Kontrollverlust ist eines der frühesten Anzeichen.
2. Lüge ich darüber?
Sagst du anderen, du trinkst weniger, isst weniger, schaust weniger Pornos, arbeitest weniger als du wirklich tust? Verheimlichst du das Ausmaß vor deiner Partnerin, deiner Familie, dir selbst? Heimlichkeit ist ein Marker, der sich nicht wegerklären lässt.
3. Brauche ich es, um zu funktionieren?
Kommst du ohne durch den Tag? Ohne Kaffee am Morgen, ohne das Glas am Abend, ohne den Snack zwischendurch, ohne den Blick aufs Handy alle fünf Minuten? Wenn die Antwort „nein" ist, ist die Substanz oder das Verhalten kein Begleiter mehr. Es ist eine Krücke.
4. Was kommt zu kurz?
Wofür ist nie Zeit, seitdem das Suchtmittel da ist? Deine Beziehung, deine Kinder, dein Körper, dein Schlaf, deine Träume? Sucht frisst Lebenszeit. Sie tut das leise. Manchmal merkst du es erst, wenn du zurückschaust und siehst, was du nicht gelebt hast.
5. Wie reagiere ich, wenn jemand das Thema anspricht?
Mit Erklärungen? Mit Wut? Mit Schweigen? Mit dem Versprechen, dass du das im Griff hast? Die Heftigkeit der Abwehr ist oft proportional zur Wahrheit dahinter.
6. Was passiert, wenn ich versuche, aufzuhören?
Stell dir vor, du lässt es zwei Wochen weg. Was kommt hoch? Unruhe, Angst, Leere, Wut, Traurigkeit? Wenn das Aufhören Stress macht, hat das Verhalten dich. Nicht umgekehrt.
7. Was würde ich fühlen, wenn ich nicht süchtig wäre?
Das ist die eigentliche Frage. Was hält dich von dir selbst fern? Sucht ist ein Schutz. Bevor du sie loslässt, lohnt es sich zu fragen, vor was sie dich schützt.
Sucht ist kein Problem. Sucht ist eine Antwort. Wenn du die Frage hörst, die sie beantwortet hat, kannst du anfangen, sie loszulassen.
Gewohnheit oder Sucht?
Die kürzeste Unterscheidung: eine Gewohnheit kannst du lassen. Wenn der Gedanke ans Lassen Stress, Unruhe oder das Bedürfnis nach Ausreden auslöst, ist die Linie schon überschritten.
Es gibt kein präzises Datum, an dem aus Gewohnheit Sucht wird. Es ist ein langsamer Übergang. Genau deshalb merken wir es nicht. Wir sind morgen ein winziges Stück tiefer drin als heute. Über Jahre summiert sich das.
Es geht nicht nur um Alkohol
Wenn du beim Lesen dieses Textes denkst „ich trinke ja nicht", schau noch einmal hin. Sucht ist beweglich. Sie sucht sich, was funktioniert. Bei mir waren es über die Jahre verschiedene Türen raus aus dem Fühlen.
Heute sind die häufigsten Verhaltenssüchte, die mir in meiner Arbeit begegnen: Arbeit (immer beschäftigt sein), emotionales Essen, Pornografie und digitale Reize, endloses Konsumieren von News oder Social Media, und Beziehungen, die Drama produzieren. Alles davon erfüllt denselben Zweck: nicht still werden müssen.
Was du jetzt tun kannst
Wenn dich beim Lesen mehrere Fragen erwischt haben, ist das kein Drama. Es ist eine Information. Du bist nicht allein damit. Was hilft, hängt davon ab, wo du stehst.
- Wenn akute Sucht vorliegt (du kannst nicht ohne, du verlierst Kontrolle, dein Leben funktioniert nicht mehr): such dir Hilfe. Hausarzt, Suchtberatung, Anonyme Alkoholiker, eine stationäre Therapie. Coaching ist hier nicht der erste Schritt.
- Wenn du einen Verdacht spürst, aber funktionierst: rede mit jemandem, der den Weg kennt. Eine Selbsthilfegruppe, ein Therapeut oder, wenn du mit der akuten Phase durch bist, ein Coach.
- Wenn du den Verdacht hast, dass etwas anderes als Sucht darunter liegt: ein Coaching-Erstgespräch kann ein guter Einstieg sein, um zu schauen, was sich da gerade zeigen will. Wie Coaching für Männer wirkt, wenn die akute Phase vorbei ist, habe ich hier beschrieben.
Du hast eine Frage erwischt, die nicht losgeht?
Schreib mir. Wir telefonieren einmal kostenlos und schauen, was der nächste Schritt für dich sein könnte. Wenn ich nicht die richtige Adresse bin, sage ich es dir.
Schreib mir