Männerkreis klingt für viele Männer nach dem, was sie meiden. Nach Räucherstäbchen, Umarmungen, Bärtigen, die Trommel schlagen. Nach etwas, das man macht, wenn man sich selbst nicht mehr zu helfen weiß. Ich verstehe das Klischee. Ich hatte es selbst lange im Kopf. Was tatsächlich in einem Kreis passiert, ist etwas ganz anderes. Ehrlicher. Nüchterner. Und, für die meisten Männer, die kommen, das erste Mal seit langem, dass sie sich selbst zuhören dürfen.
Was ein Männerkreis nicht ist
Ein Männerkreis ist keine Therapie. Er ist kein Coaching. Er ist keine Selbsthilfegruppe im Stil der Anonymen Alkoholiker, auch wenn die Grundidee, sich gegenseitig zu bezeugen, verwandt ist. Er ist keine Männerclique, in der zusammen ein Bier getrunken wird. Und er ist definitiv keine Bühne für Guru-Figuren, die anderen Männern erklären, wie richtiges Mann-Sein geht.
Ein Männerkreis ist ein fester, geschützter Raum, in dem eine kleine Gruppe von Männern regelmäßig zusammenkommt, um über das zu sprechen, was tatsächlich in ihrem Leben ist. Nicht über das, was gerade gut läuft. Nicht über das, was sich gut erzählen lässt. Sondern über das, worüber sie sonst mit niemandem sprechen.
In meiner Arbeit heißt das konkret: bis zu zehn Männer, wöchentlich online, 90 Minuten. Feste Zeiten, festes Format, fester Kreis. Vertraulichkeit ist die einzige Regel, die nicht verhandelbar ist.
Was tatsächlich passiert, wenn Männer sich hinsetzen
Ein Kreis läuft nach einem klaren Ablauf. Das klingt banal, ist aber wichtig. Ohne Ablauf sitzen zehn Männer da und der lauteste dominiert. Mit Ablauf bekommt jeder Raum.
1. Die Ankommens-Runde
Wir starten mit einer Runde, in der jeder in ein paar Sätzen sagt, wie er da ist. Nicht was in der Woche los war. Sondern wie es ihm in diesem Moment geht. Diese Runde dauert ungefähr 15 Minuten. Sie tut zwei Dinge: sie holt jeden aus dem Kopf in den Körper. Und sie legt offen, was heute im Kreis Thema werden möchte.
2. Der Sprech-Raum
Danach spricht, wer sprechen möchte. Für so lange, wie er sprechen möchte. Ohne unterbrochen zu werden. Ohne Nachfragen. Ohne Ratschläge. Die anderen hören zu. Nur das. Kein „ja aber", kein „bei mir war das so", kein „hast du schon mal versucht". Bezeugen heißt es in der Sprache der Kreis-Arbeit. Und es ist genau das: da sein, ohne zu bewerten, ohne zu lösen.
Wenn ein Mann fertig ist, ist er fertig. Manchmal spricht danach lange keiner. Und das ist okay. Stille ist Teil des Kreises. Sie ist manchmal die eigentliche Arbeit.
3. Die Rückmeldungs-Runde
Am Ende gibt es eine kurze Runde. Jeder sagt in einem Satz, was er heute mitnimmt. Was ihn berührt hat. Was hängen bleibt. Und dann ist Schluss. Kein After-Talk, keine Verabredung im Chat, kein Nachtreten. Was im Kreis gesagt wurde, bleibt im Kreis.
In den 90 Minuten, die wir zusammen sitzen, muss keiner funktionieren. Vielleicht zum ersten Mal in dieser Woche.
Warum die Tränen kommen
Fast in jedem Kreis weint irgendwann irgendjemand. Nicht weil ich als Begleiter darauf hinarbeite. Nicht weil wir irgendein emotionales Ritual machen. Sondern weil das, was in einem Männerleben lange unter dem Funktionieren gelegen hat, dann hochkommt, wenn das Funktionieren zum ersten Mal nicht gefordert ist.
Die meisten Männer, die ich begleite, weinen nicht, weil sie schwach sind. Sie weinen, weil sie zum ersten Mal an einem Ort sitzen, an dem sie stark sein dürfen, ohne stark aussehen zu müssen. Und wenn dieser Widerspruch aufhört, kommen 20 Jahre Trauer nach oben, die niemand jemals gefragt hat.
Ich kenne diesen Moment aus vielen Kreisen, in denen ich in den letzten Jahren gesessen habe, als Teilnehmer und später als Begleiter. Männer, die jahrzehntelang funktioniert haben, kommen an einen Ort, an dem das Funktionieren zum ersten Mal nicht Teil des Deals ist. Und dann kommt oben an, was in all den Jahren keinen Ort hatte. Nicht bei jedem sofort. Manchmal erst nach Wochen. Aber irgendwann.
Warum das keine Schwäche ist, sondern die eigentliche Arbeit
Männern wird beigebracht, dass Weinen Kontrollverlust ist. Dass ein Mann funktioniert. Dass Gefühle Beiwerk sind, das man nach der Arbeit einsortiert. Wer diese Programmierung durchbricht, gilt in vielen männlichen Umfeldern des Alltags, im Job, im Fußballverein, in der eigenen Herkunftsfamilie, als schwach.
Der Männerkreis dreht diese Bewertung um. Wer weint, ist nicht schwach. Er ist ehrlich. Und er tut damit für die anderen im Kreis etwas, was kaum zu überschätzen ist: er zeigt, dass es geht. Dass ein Mann fühlen kann und darüber sprechen kann und dabei nichts von seiner Männlichkeit verliert. Im Gegenteil.
Das ist die eigentliche Arbeit im Kreis. Nicht das Weinen. Sondern das Zulassen. Und das Zulassen zulassen bei anderen. Männer lernen dort etwas, das ihnen in unserer Kultur systematisch abtrainiert wurde: bezeugen zu können, ohne bewerten zu müssen. Und selbst gesehen zu werden, ohne sich zu verstecken.
Was Freunde nicht leisten, was ein Kreis kann
Männer sagen mir oft: dafür habe ich doch meine Freunde. Ich frage dann: worüber sprecht ihr, wenn ihr euch trefft?
Die Antwort ist meistens: über Fußball, über Politik, über die Arbeit, über die Kinder, über den nächsten Urlaub. Über das, was man erzählen kann. Selten über das, was einen wirklich beschäftigt. Und wenn doch, dann meist in dem einen Moment, der aus der Stimmung entsteht, und danach ist es weg. Kein Format, das das trägt. Kein Rahmen, der es zulässt.
Freundschaften unter Männern haben Qualitäten, die ein Kreis nie ersetzt. Loyalität, gemeinsame Geschichte, das gemeinsame Tun. Was sie aber selten leisten, ist der Raum für das Ungesagte. Weil dort meist eine Nebenbedingung mitläuft: ich muss auch morgen noch als der bestimmte Typ wahrgenommen werden können. Der Erfolgreiche. Der Coole. Der Ausgeglichene. Der, mit dem man Pferde stehlen kann. Diese Rolle darf im Freundeskreis nicht bröckeln.
Im Kreis darf sie das. Deshalb wird dort gesagt, was im Freundeskreis unaussprechlich bleibt.
Für wen der Kreis passt. Und für wen nicht.
Der Kreis passt, wenn drei Dinge zutreffen.
- Du spürst, dass dir ein echter Raum fehlt. Du hast Freunde, eine Partnerin, vielleicht einen guten Kollegen. Und trotzdem trägst du Dinge herum, für die es in deinem Leben keinen Ort gibt.
- Du bist bereit, dich zu zeigen. Nicht sofort, nicht in der ersten Woche. Aber grundsätzlich bereit. Der Kreis funktioniert nicht, wenn du kommst, um zuzuschauen. Er lebt davon, dass jeder auch selbst spricht.
- Du kannst dich für ein paar Monate verlässlich einbringen. Ein Kreis wächst über Zeit. Wenn du zwei Mal kommst und dann drei Wochen wegbleibst, entstehen keine Beziehungen. Verlässlichkeit ist die Grundlage von Vertrauen.
Der Kreis passt nicht, wenn du in einer akuten psychischen Krise steckst. Dann brauchst du erst einen Therapeuten. Er passt auch nicht, wenn du kommst, weil deine Partnerin es sich wünscht, du selbst aber nicht bereit bist. Und er passt nicht, wenn du dir vom Kreis eine schnelle Lösung erhoffst. Der Kreis löst nichts. Er ist der Ort, an dem du dir selbst zuhören lernst. Der Rest kommt daraus.
Was du jetzt tun kannst
Wenn dich das anspricht und du spürst, dass so ein Raum in deinem Leben fehlen könnte, dann ist der nächste Schritt ein Gespräch. Kein Verkaufsgespräch. Ein Kennenlernen. Wir schauen, ob es passt, wir schauen, ob du zum aktuellen Kreis passen könntest, und du kannst alle Fragen stellen, die noch offen sind.
- Wenn du erst mehr über meine Arbeit wissen willst: lies Coaching für Männer: Was es ist, was es nicht ist. Dort erkläre ich meine Haltung ausführlicher.
- Wenn du zusätzlich merkst, dass unter der Frage nach Verbundenheit noch etwas anderes liegt: die sieben ehrlichen Fragen zum Thema Sucht sind ein guter Selbstcheck.
- Wenn du direkt in den Kreis reinschauen willst: auf der Seite Gruppenkreis steht, wie das konkret abläuft, was er kostet und wie du reinkommst.
Neugierig geworden?
Ein kurzer Gruß auf WhatsApp oder per Mail reicht. Wir telefonieren einmal kostenlos und schauen, ob der Kreis für dich der richtige Raum ist.
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